Zur Vorgeschichte der Sammlung

2015-03-16 13:14 von Rainer Neubauer

Marlene Neubauer-Woerner hinterließ mir eine umfangreiche Privatsammlung ihrer Werke mit der Bitte, diese Sammlung zusammen zu halten und der kunstinteressierten Öffentlichkeit zugänglich zu machen.Ich erfüllte diese Bitte zunächst dadurch, dass ich das Werk meiner Mutter im ehemaligen Elternhaus, das ich 2009 in eine Galerie umgebaut hatte, in wechselnden Ausstellungen zum Teil auch mit Künstlerkollegen meiner Mutter präsentierte. An der Galerieeröffnung konnte die Künstlerin noch selbst teilnehmen. Gerade die zahlreichen Beispiele ihrer Künstlerkollegen und -freunde, deren Leben und Werk nach deren Tod oft völlig in Vergessenheit geriet, veranlassten meine Frau und mich darüber nachzudenken, wie Marlene Neubauer-Woerner dieses Schicksal erspart werden könnte, wenn wir einmal nicht mehr in der Lage sein sollten, uns selbst um die Sammlung zu kümmern. Es lag nahe, zunächst einmal an das offizielle München heranzutreten, weil das für viele Jahre der Lebens- und Arbeitsmittelpunkt der 1918 in Landshut geborenen Bildhauerin war. Sehr viele ihrer öffentlichen Aufträge sind in München zu sehen. Der damalige OB der Stadt München, Christian Ude, wurde kontaktiert und bemühte sich auch dankenswerter Weise, einen entsprechenden Platz für die Sammlung in München zu finden. Leider stand am Ende dieser Bemühungen die Auskunft, dass alle in Frage kommenden Institutionen sowohl in ihren Ausstellungsflächen als auch in ihren Depots aus allen Nähten platzten. Auf eine "Depotlösung" für die Sammlung wollte ich mich nie einlassen, weil nach meiner Auffassung Museumsdepots ohnehin die "schwarzen Löcher der Kunst" sind, aus denen Kunstwerke nur im Ausnahmefall jemals wieder das Licht der öffentlichen Welt erblicken.Im Oktober 2010 kam im Kloster Seligenthal in Landshut eine kleine Ausstellung mit Werken von Marlene Neubauer-Woerner im Besuchersaal des Klosters zustande. In den 20er-Jahren war die Künstlerin dort zur Schule gegangen. Der Altoberbürgermeister von Landshut, Herr Josef Deimer, schätzte seit jeher die Werke der Bildhauerin und besuchte diese Ausstellung. Dabei erzählte ich ihm von unseren Bemühungen, die Sammlung in München unterzubringen. Er fragte: "Könnten Sie sich auch vorstellen, die Sammlung nach Landshut zu geben? Sollten Sie mit München nicht einig werden, lassen Sie es mich wissen. Ich würde dann über mögliche Lösungen nachdenken." Nachdem die Stiftungsidee für München sich Mitte 2012 endgültig als unrealistisch erwies, wandte ich mich wieder an Josef Deimer, der bereits 1982 und 1988 Ausstellungen meiner Mutter im Landshuter Rathaus ermöglicht hatte.Herr Deimer wusste, dass im Zuge der Renovierung des Klosters Seligenthal in Landshut der Einbau eines Kunstmuseums geplant war, in dem Kunstwerke des Klosters aber auch moderne Landshuter Künstler ausgestellt werden sollten. Er setzte sich mit der Äbtissin des Klosters, Mater Petra Articus, in Verbindung. Es stellte sich schnell heraus, dass für die Sammlung Neubauer der noch verfügbare Platz im Museum bei weitem nicht ausreichte. Gleichzeitig zeigte sich die Frau Äbtissin jedoch offen für das Werk der ehemaligen Klosterschülerin Marlene. Ein Termin in der Galerie Neubauer in München-Freimann wurde vereinbart und am 6.8.2012 kamen Frau Äbtissin und Herr Deimer sowie der damalige Museumskurator nach München. Galerie und Skulpturengarten wurden besichtigt und man war sich schnell einig, dass diese Kunstart gut nach Seligenthal passen würde. Spontan wurde eine erste umfangreiche Liste von Werken und Ausstattungen für die zukünftige Sammlung zusammengestellt.  Nach ihrer Rückkehr stellte die Frau Äbtissin fest, dass die Mitschwestern des Klosters und die LehrerInnen der Schulen ebenfalls sehr angetan von der ganzen Idee waren. Im Frühjahr 2013 folgten weitere Besuche in München. Die Frau Äbtissin hatte mittlerweile auch die Frage der räumlichen Unterbringung gelöst, die Sammlung sollte im Besuchersaal und zwei angrenzenden Räumen untergebracht werden, während für die größeren Plastiken die Freiflächen vorgesehen waren. Es bot sich deshalb an, die Sammlung der ehemaligen Schülerin rechtlich als sog. Zustiftung in die Schulstiftung Seligenthal einzubringen. Die Werke von Marlene Neubauer-Woerner sollen dort lebendiges Anschauungsmaterial für den Kunstunterricht und für die Vermittlung von griechischer und römischer Geschichte liefern; die Künstlerin selbst dient als leuchtendes Vorbild, wie man vom Waisenkind mit Talent, Einsatz, Lernen, Mut und Selbstbehauptung im Leben außerordentlich erfolgreich sein kann.Im Juni 2013 wurde ein entsprechender Zustiftungsvertrag von der Frau Äbtissin und mir unterschrieben.
Bereits im Frühjahr 2013 hatte ich eine deutliche Erweiterung der Sammlung für Seligenthal ins Auge gefasst und mit der Frau Äbtissin vereinbart. Damit soll verhindert werden, dass die Öffentlichkeit zu schnell das Interesse an der Sammlung verliert, weil dort immer die gleichen Werke zu sehen sind. Seligenthal soll also in die Lage versetzt werden, ihren Besuchern in wechselnden Ausstellungen Neues zu bieten.Anfang Oktober 2013 fuhren in der Galerie Neubauer zwei Fahrzeuge mit Anhängern vor, verluden die umfangreiche Sammlung und brachten sie an zwei Tagen nach Landshut.Eine nette Geschichte am Rande: Als die freundlichen Helfer eine Menge offener Kartons mit Büchern über meine Mutter auf einen offenen Hänger verluden, machte ich mir Sorgen, dass sie beim Transport nass werden könnten. Da sagte einer der Helfer: "Aber Herr Neubauer, mir fahrn im Auftrag des Herrn, da regnt´s doch ned!" Natürlich hatten sie Abdeckplanen dabei.In Seligenthal wird die Sammlung provisorisch in den Klosterräumen aufbewahrt bis die Renovierung der vorgesehenen Räume abgeschlossen ist. 
Ende 2013 glaubten nun alle Beteiligten das Projekt zur allseitigen Zufriedenheit über die Bühne gebracht zu haben. Es blieb nur noch abzuwarten, bis die Renovierung des Schultraktes abgeschlossen ist und die Sammlung ihren endgültigen Bestimmungsort erhalten konnte. Zum Jahresende stellte sich nun heraus, dass ein Rechtsexperte im Vorstand der Schulstiftung den geschlossenen Vertrag für ungültig hielt. Da hatten sowohl ich als auch die Frau Äbtissin als juristische Laien in unserer Begeisterung die Fallstricke des bayerischen Stiftungsrechts wohl unterschätzt. Die Vertragsverhandlungen mussten also erneut aufgenommen werden, wollten wir das Projekt noch retten. Die Frau Äbtissin beschloss, den Verhandlungsprozess nun ganz den Experten der Schulstiftung zu überlassen. Damit war klar, dass auch ich auf meiner Seite Expertenbeistand brauchte und zog deshalb einen anerkannten Anwalt und Stiftungsexperten hinzu. Es zeigte sich bald, dass der ursprüngliche Vertrag nach einigen Änderungen so abgeschlossen werden konnte, dass alle rechtlichen Bedingungen erfüllt waren. Im Mai 2014 war es dann soweit und in den Folgemonaten stimmten auch der Stiftungsbeirat, die staatliche Stiftungsaufsicht und das Finanzamt zu. Das Projekt war endgültig in trockenen Tüchern.
Nur eine kleine Klippe war noch zu überwinden: Wie würden SchülerInnen und Eltern auf die zum Teil durchaus sinnlichen Figuren meiner Mutter reagieren? Meine Mutter hatte mit dieser Besorgnis häufiger umzugehen, wenn sie für Kirchen in Bayern eine Madonna, eine Maria Magdalena oder andere Heilige gestalten sollte. Als einmal ein Pfarrer fragte, ob der Busen der Madonna nicht ein bisschen zu prominent geraten sei für seine Kirchenbesucher, antwortete meine Mutter: "Wo in der Bibel steht geschrieben, dass die Maria verschnitzt war?" Verschnitzt, ein alter bayerischer Ausdruck für hässlich. Die Pfarrer ließen sich immer überzeugen, denn die den weiblichen Figuren innewohnende Anmut ist sozusagen ein überzeugender bildhauerischer Wesenszug im Werk meiner Mutter. Frau Weger, Direktorin des Gymnasiums Seligenthal und starke Befürworterin dieses Projektes, hat diese Frage offen und direkt gelöst. Sie hat zur Besichtigung der bisher ausgestellten Kunstwerke eingeladen  und erntete die volle Zustimmung der Besucher. 
Nun kann also die Arbeit am Projekt weitergehen; es gibt noch viel zu tun, packen wir´s an.

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